Lebensform Kibbuz

„Jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen“. Dies war die Leitidee der Kibbuzbewegung. Schon 40 Jahre vor der Staatsgründung Israels entstanden die ersten der heute 270 kollektiven ländlichen Gemeinwesen, die das Land umfassend umgestaltet haben und bis heute prägen.

Im Anfang war ein Ideal

Die ersten Kibbuzim wurden von Zionisten gegründet, die dem Ideal einer neuen sozialistischen Lebensform folgten und das Land der Vorväter urbar machen wollten. Die Gründer sahen sich vor große Herausforderungen gestellt. An harte körperliche Arbeit nicht gewöhnt und mit unzureichenden Mitteln ausgerüstet trafen sie auf lebensfeindliche Bedingungen in einem vernachlässigten Land. Die Pioniergeneration hat Sümpfe trockenlegen müssen, bevor sie der Erde abringen konnte, was die Gemeinschaft zum Leben brauchte. Das Schicksal des Individuums war existenziell abhängig vom Kollektiv, und die Ausprägung des Zusammenlebens ergab sich aus Notwendigkeiten und Idealen. Mit der Zeit entstanden blühende Gemeinschaften, die als Keimzellen des heutigen modernen Staats gelten. Obwohl die Kibbuzniks nur etwa 2% der Gesamtbevölkerung ausmachen, erzeugen sie doch rund 40% aller Agrarprodukte und 7% der Industriegüter.

Leben im Kollektiv

Landwirtschaft sicherte lange Zeit die Lebensgrundlage der Kibbuzniks. Wer nicht auf dem Feld arbeitete, übernahm andere Aufgaben für das Kollektiv. In Großküchen wurde für alle gekocht, man aß gemeinsam im Speisesaal. Kinder wurden schon von den ersten Lebenswochen an gemeinsam in Kinderhäusern erzogen. Dazu kamen Verwaltung und medizinische Versorgung. Jeder arbeitete nach seinen Fähigkeiten und Kräften, und jeder erhielt dafür, was er zum Leben brauchte: Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf.

Die Organisation war basisdemokratisch, in Vollversammlungen wurden alle Entscheidungen für das Zusammenleben getroffen. Sämtliche anfallenden Arbeiten wurden nach dem Rotationsprinzip immer wieder neu verteilt.

Anpassung an gesellschaftlichen Wandel

Die Entwicklung Israels vom Agrarland zu einem modernen hochtechnologisierten Staat und die damit einhergehende Individualisierung der Gesellschaft forderte von den Kibbuzniks Anpassungen an den Zeitgeist. Auch die Einwanderungswellen nach der Staatsgründung und die Globalisierung der Weltwirtschaft setzten Prozesse des Umdenkens in Gang.

Neben der Landwirtschaft entstanden regionale Industriebetriebe oder Dienstleistungsunternehmen. Dafür wurden Lohnarbeiter eingestellt, die das soziale Gefüge im Kibbuz veränderten. Zunehmend spielte der Tourismus eine wichtige Rolle, und etwa die Hälfte der Einkünfte der Kibbuzim ergeben sich heute aus diesem Sektor.

In vielen Kibbuzim gibt es inzwischen ein leistungsabhängiges Lohnsystem und Privatvermögen. Kinder wachsen im Elternhaus auf, haben die Möglichkeit zu individueller Entfaltung, die häufig aus dem Kibbuz herausführt.

Über allem steht jedoch der Gemeinschaftsgedanke, und noch immer bietet der Kibbuz die Geborgenheit und Verlässlichkeit einer Großfamilie. Dazu kommt in der Regel ein höherer Lebensstandard als im übrigen Land. So entscheidet sich manch junger ehemaliger Kibbuznik nach einer vorübergehenden Abkehr vom Kibbuzleben und notwendigen „Lehr- und Wanderjahren“ später zur Rückkehr.

Das Lebensmodell Kibbuz hat sich weit entfernt vom romantisierten harten Alltag der ersten Pioniere. Es sind Gemeinschaften unterschiedlichster Ausprägung entstanden. Das Festhalten an Erziehung zu Freiheit und Selbständigkeit in Verantwortung für die Gemeinschaft und eine hohe Anpassungsfähigkeit können ihr Überleben sichern.

ahavta – Begegnungen im Kibbuz

Abhängig von Ihrer Reiseroute werden wir Ihnen immer auch den Aufenthalt in einem Kibbuz vorschlagen. Viele liegen in landschaftlich reizvoller Lage und bieten komfortable Unterkünfte. Begegnung und Gespräche mit Mitgliedern eines Kibbuz geben uns Einblicke in eine Lebensform, die in ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte nichts von ihrem Reiz verloren hat.

Aus der Vielzahl von Möglichkeiten haben wir für Sie drei Beispiele herausgesucht, die bei unseren Gruppen besonders beliebt sind:

Kibbuz Z‘eelim

Dieser Kibbuz im Norden der Wüste Negev ist einer der wenigen, die sich noch an dem Leitmotiv „Arbeite, was du kannst, und du erhältst, was du brauchst“ orientieren. Hier bekommt jeder Kibbuznik unabhängig von seiner Aufgabe in der Gemeinschaft dasselbe Gehalt. Wirtschaftliche Schwerpunkte sind Landwirtschaft und Tourismus. Während man am Prinzip der Basisdemokratie festhält, hat man die ökonomischen Nachteile des Rotationsprinzips erkannt und sich davon abgewandt. Hier begegnen wir freundlichen und aufgeschlossenen Menschen, die gern aus ihrem Leben erzählen und unsere Fragen beantworten. Höhepunkt und entspannender Abschluss eines Tages ist zweifellos ein Bad in den heißen Quellen von Z‘eelim.

Kibbuz Lavi

Der religiöse Kibbuz Lavi liegt westlich vom See Genezaret. Gegründet wurde er 1949 von jungen Leuten, die vor dem Holocaust als Kinder nach England evakuiert wurden und später nach Israel eingewandert sind. An der Stelle des heutigen Kibbuz befand sich damals unwegsames Gelände, von einem steinigen Hügel aus hatten die jungen Pioniere die strategisch wichtige Straße nach Tiberias zu sichern.

Aus einem anfänglichen Zeltlager entstand ein Ort zum Wohnen und Leben. Der Kibbuz betreibt heute ein großes und komfortables Hotel und bietet Workshops zum Judentum an. Weiteres Standbein ist ein Möbelwerk, das auf Einrichtungen von Synagogen spezialisiert ist, und Aufträge auf der ganzen Welt ausführt.

Auch der Kibbuz Lavi ist der Leitidee der Kibbuzbewegung treu geblieben. Bei Führungen und Gesprächen begegnen wir interessanten Menschen und erfahren zudem viel von der besonderen Geschichte des Kibbuz.

Kibbuz Nes Ammim 

1963 kamen christliche Pioniere nach Israel, um nach dem Holocaust ihre Solidarität mit Israel zu bezeugen und bei der Entwicklung des Landes zu helfen. Die Gründung von Nes Ammim als einem christlichen Kibbuz sollte ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung zwischen Juden und Christen sein. Man distanzierte sich ausdrücklich von jeglicher Art von Mission, sondern setzte auf den Dialog der Menschen und Völker. Seitdem haben zahllose Freiwillige aus Deutschland und den Niederlanden in Nes Ammim gearbeitet. Mit einem differenzierten und ausgewogenen Blick für die Schwierigkeiten des Landes kehrten sie zurück. Heute setzt sich Nes Ammim besonders für den Friedensprozess zwischen Juden und Arabern ein.

In Nes Ammim stehen einfache Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung, und aus Begegnungen und Gesprächen nehmen wir stets neue Impulse für Verständigung und Frieden mit.