Wie wir der Zukunft ohne Angst begegnen können

Im April 2017 hielt Rabbiner Lord Jonathan Sacks sel.A. bei der TED-Konferenz den Vortrag „How we can face the future without fear, together“.

Rabbiner Sacks war von 1991 bis 2013 der britische Oberrabbiner. Er verstarb am 7. November 2020 im Alter von 72 Jahren an den Folgen einer Erkrankung. Seitdem fehlt er der Welt, war er doch einer der größten jüdischen Denker und Theologen seiner Zeit. Er lehrte und lebte die Vision eines jüdischen Volkes, das das Prinzip der „Achrajut“ – der Verantwortung in den Mittelpunkt seines Handelns stellt und danach strebt, seiner Verantwortung gegenüber Gott, der Familie, der Gemeinschaft, Israel und der Gesellschaft im Allgemeinen gerecht zu werden.

Sein Werk wird fortgesetzt von dem „Office of the Chief Rabbi“. Dort werden auch die Betrachtungen von Rabbi Sacks zu den Wochenabschnitten des jüdischen Jahres 5781 veröffentlicht. Denn er hatte diese noch vor seinem Tode vorbereitet und niedergeschrieben.

Heute, nach vier Jahren, ist seine Rede auf der TED-Konferenz vielleicht von noch größerer Aktualität und Eindringlichkeit. Sie kann auf YouTube angehört werden. Ihrer Bedeutung wegen füge ich ihr eine deutsche Übersetzung an.

How we can face the future without fear, together | Rabbi Lord Jonathan Sacks

Wie wir der Zukunft ohne Angst begegnen können

„Dies sind die Zeiten“, sagte Thomas Paine, „die die Seelen der Menschen auf die Probe stellen“. Und sie prüfen jetzt die unsere. Dies ist ein schicksalhafter Moment in der Geschichte des Westens. Wir haben spaltende Wahlen und gespaltene Gesellschaften erlebt. Wir haben ein Anwachsen des Extremismus in Politik und Religion erlebt, und all das wird geschürt durch Angst, Ungewissheit und Furcht vor einer Welt, die sich fast schneller verändert, als wir es ertragen können, und durch das sichere Wissen, dass sie sich noch schneller verändern wird. Ich habe einen Freund in Washington. Ich habe ihn gefragt, wie es war, während der letzten Präsidentschaftswahlen in Amerika zu sein. Er sagte mir: „Nun, es war wie der Mann, der mit einem Glas Whiskey in der Hand auf dem Deck der Titanic sitzt und sagt: ‚Ich weiß, ich habe um Eis gebeten – aber das ist lächerlich.‘“ 

Gibt es also etwas, was wir tun können, jeder von uns, um der Zukunft ohne Angst entgegensehen zu können? Ich glaube, das gibt es. Und ein Weg dorthin ist, zu sehen, dass der vielleicht einfachste Weg in eine Kultur und in ein Zeitalter darin besteht, zu fragen: Was verehren die Menschen? Die Menschen haben so viele verschiedene Dinge verehrt – die Sonne, die Sterne, den Sturm. Manche Menschen verehren viele Götter, manche einen, manche keinen. Im 19. und 20. Jahrhundert verehrten die Menschen die Nation, die arische Rasse, den kommunistischen Staat. Was verehren wir? Ich denke, künftige Anthropologen werden einen Blick auf die Bücher werfen, die wir über Selbsthilfe, Selbstverwirklichung und Selbstwertgefühl lesen. Sie werden sich die Art und Weise ansehen, wie wir über Moral sprechen, wie wir uns selbst treu bleiben, die Art und Weise, wie wir über Politik als eine Angelegenheit der individuellen Rechte sprechen, und sie werden sich dieses wunderbare neue religiöse Ritual ansehen, das wir geschaffen haben. Kennen Sie dieses Ritual – das so genannte „Selfie“? Und ich denke, sie werden zu dem Schluss kommen, dass das, was wir in unserer Zeit anbeten, das Selbst ist, das Mich, und das ICH. 

Und das ist großartig. Es ist befreiend. Es ist ermächtigend. Es ist wunderbar. Aber vergessen Sie nicht, dass wir biologisch gesehen soziale Lebewesen sind. Wir haben die meiste Zeit unserer Evolutionsgeschichte in kleinen Gruppen verbracht. Wir brauchen diese Interaktionen von Angesicht zu Angesicht, in denen wir die Choreographie des Altruismus erlernen und in denen wir jene geistigen Güter wie Freundschaft, Vertrauen, Loyalität und Liebe schaffen, die uns von der Einsamkeit erlösen. Wenn wir uns zu sehr mit dem „Ich“ und zu wenig mit dem „Wir“ beschäftigen, können wir uns verletzlich, ängstlich und allein fühlen. Nicht umsonst hat Sherry Turkle vom MIT [Massachusetts Institute of Technology] ihr Buch über die Auswirkungen der sozialen Medien „Alone Together“ genannt [auf Deutsch erschienen unter dem Titel: „Verloren unter 100 Freunden“]. 

Daher denke ich, dass der einfachste Weg, das zukünftige „Du“ zu schützen, darin besteht, das zukünftige „Wir“ in drei Dimensionen zu stärken: das Wir der Beziehung, das Wir der Identität und das Wir der Verantwortung. 

Lassen Sie mich also zunächst das Wir der Beziehung betrachten. Und verzeihen Sie mir, wenn ich hier persönlich werde. Es war einmal, vor sehr langer Zeit, da war ich 20 Jahre alt und studierte Philosophie im Grundstudium. Ich beschäftigte mich mit Nietzsche und Schopenhauer, Sartre und Camus. Ich war voller ontologischer Unsicherheit und Existenzangst. Es war großartig. 

Ich war selbstbesessen und durch und durch unsympathisch, bis ich eines Tages auf der anderen Seite des Hofes ein Mädchen sah, das alles war, was ich nicht war. Sie strahlte Sonnenschein aus. Sie strahlte Freude aus. Ich fand heraus, dass ihr Name Elaine war. Wir trafen uns. Wir redeten. Wir heirateten. Und 47 Jahre, drei Kinder und acht Enkelkinder später kann ich mit Sicherheit sagen, dass dies die beste Entscheidung meines Lebens war, denn es sind die Menschen, die nicht so sind wie wir, die uns wachsen lassen. Und genau deshalb denke ich, dass wir genau das tun müssen. 

Das Problem mit den Google-Filtern, den Facebook-Freunden und dem Lesen der Nachrichten, bei dem man „Narrowcasting“ statt „Broadcasting“ betreibt, ist, dass wir fast ausschließlich von Menschen umgeben sind, deren Ansichten, Meinungen, ja sogar Vorurteile genau wie die unseren sind. Und Cass Sunstein aus Harvard hat gezeigt, dass wir extremer werden, wenn wir uns mit Menschen umgeben, die die gleichen Ansichten haben wie wir. Ich denke, wir müssen die persönlichen Begegnungen mit Menschen, die nicht so sind wie wir, erneuern. Ich denke, wir müssen das tun, um zu erkennen, dass wir sehr unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem Freunde bleiben können. In diesen persönlichen Begegnungen entdecken wir, dass die Menschen, die nicht so sind wie wir, einfach Menschen sind wie wir. Und jedes Mal, wenn wir jemandem, der nicht so ist wie wir, dessen Klasse, Glaube oder Hautfarbe sich von der unseren unterscheidet, die Hand der Freundschaft reichen, heilen wir einen der Risse in unserer verwundeten Welt. Das ist das Wir der Beziehung. 

Das zweite ist das Wir der Identität. Ich möchte Ihnen ein Gedankenexperiment vorschlagen. Waren Sie schon einmal in Washington? Haben Sie die Denkmäler gesehen? Absolut faszinierend. Da ist das Lincoln Memorial: die Gettysburg-Rede auf einer Seite, die zweite Antrittsrede auf der anderen. Gehen Sie zum Jefferson Memorial, dort gibt es eine Menge Text. Martin Luther King Memorial, mehr als ein Dutzend Zitate aus seinen Reden. Ich wusste gar nicht, dass man in Amerika Denkmäler liest. Gehen Sie nun zu dem entsprechenden Denkmal in London am Parliament Square und Sie werden sehen, dass das Denkmal für David Lloyd George drei Worte enthält: David Lloyd George. 

Nelson Mandela bekommt zwei. Churchill bekommt nur ein Wort: Churchill. 

Warum der Unterschied? Ich werde Ihnen sagen, warum der Unterschied besteht. Weil Amerika von Anfang an eine Nation war, die von einer Einwanderungswelle nach der anderen überschwemmt wurde, so dass es eine Identität schaffen musste, und das tat es, indem es eine Geschichte erzählte, die man in der Schule lernte, die man auf Denkmälern las und die man in den Antrittsreden der Präsidenten wiederholt hörte. Großbritannien war bis vor kurzem keine Nation von Einwanderern, so dass es seine Identität als selbstverständlich betrachten konnte. Das Problem ist nun, dass zwei Dinge geschehen sind, die nicht zusammengehören sollten. Erstens haben wir im Westen aufgehört, die Geschichte darüber zu erzählen, wer wir sind und warum wir so sind – sogar in Amerika. Und gleichzeitig ist die Einwanderung so hoch wie nie zuvor. Wenn man also eine Geschichte erzählt und die eigene Identität stark ist, kann man den Fremden willkommen heißen, aber wenn man aufhört, die Geschichte zu erzählen, wird die eigene Identität schwach und man fühlt sich vom Fremden bedroht. Und das ist schlecht. 

Ich sage Ihnen, die Juden sind seit 2.000 Jahren verstreut, zerstreut und im Exil. Wir haben unsere Identität nie verloren. Und warum? Weil wir mindestens einmal im Jahr, am Pessachfest, unsere Geschichte erzählt und sie unseren Kindern beigebracht haben, und weil wir das ungesäuerte Brot des Leidens gegessen und die bitteren Kräuter der Sklaverei gekostet haben. So haben wir unsere Identität nie verloren. Ich denke, wir müssen gemeinsam dazu zurückkehren, unsere Geschichte zu erzählen, wer wir sind, woher wir kommen, nach welchen Idealen wir leben. Und wenn das geschieht, werden wir stark genug sein, den Fremden willkommen zu heißen und zu sagen: „Komm und teile unser Leben, teile unsere Geschichten, teile unsere Hoffnungen und Träume.“ Das ist das Wir der Identität. 

Und schließlich das „Wir“ der Verantwortung. Wissen Sie was? Mein Lieblingssatz in der gesamten Politik, ein sehr amerikanischer Satz, ist: „Wir, das Volk“. Warum „wir, das Volk“? Weil er besagt, dass wir alle gemeinsam die Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft tragen. Und das ist es, worauf es ankommt. 

Haben Sie bemerkt, wie das magische Denken unsere Politik übernommen hat? Wir sagen: Ihr müsst nur diesen starken Führer wählen, und er oder sie wird alle unsere Probleme für uns lösen. Glauben Sie mir, das ist magisches Denken. Und dann gibt es die Extreme: die extreme Rechte, die extreme Linke, die extremen Religiösen und die extremen Antireligiösen. Die extreme Rechte, die von einem goldenen Zeitalter träumt, das es nie gegeben hat, die extreme Linke, die von einer Utopie träumt, die es nie geben wird, und die Religiösen und Antireligiösen, die gleichermaßen davon überzeugt sind, dass alles, was wir brauchen, Gott oder die Abwesenheit von Gott ist, um uns vor uns selbst zu retten. Auch das ist magisches Denken, denn die einzigen, die uns vor uns selbst retten können, sind wir, das Volk, wir alle zusammen. Und wenn wir das tun, wenn wir von der Politik des Ichs zur Politik von uns allen gemeinsam übergehen, dann entdecken wir diese schönen, kontraintuitiven Wahrheiten wieder: Dass eine Nation stark ist, wenn sie sich um die Schwachen kümmert, dass sie reich wird, wenn sie sich um die Armen kümmert, dass sie unverwundbar wird, wenn sie sich um die Verletzlichen kümmert. Das ist es, was große Nationen ausmacht. 

Hier ist also mein einfacher Vorschlag. Er könnte Ihr Leben verändern, und er könnte dazu beitragen, die Welt zu verändern. Führen Sie eine Such- und Ersetzungsoperation in Ihrem Text durch, und wo immer Sie auf das Wort “selbst“ stoßen, ersetzen Sie es durch das Wort „andere“. Also statt Selbsthilfe, Fremdhilfe; statt Selbstwertgefühl, Fremdwertgefühl. Und wenn Sie das tun, werden Sie die Kraft eines Satzes spüren, der für mich einer der bewegendsten Sätze in der gesamten religiösen Literatur ist. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Wir können jeder Zukunft furchtlos entgegensehen, solange wir wissen, dass wir sie nicht allein erleben werden. 

Lassen Sie uns also um des zukünftigen „Du“ willen gemeinsam das zukünftige „Wir“ stärken.