Die hohen Feiertage. Rosch Haschana und Jom Kippur

„Mögest du für ein glückliches Jahr eingeschrieben werden!“ Das sprechen sich Jüdinnen und Juden nicht Ende Dezember zu, sondern in diesen Tagen. Denn mit dem 1. Tag des Monats Tischri wechseln sie in das Jahr 5782. Da der jüdische Kalender nicht nur, aber maßgeblich vom Mondumlauf bestimmt wird, fällt der Neujahrstag in diesem Jahr auf den 7. September (Neumond).

Während Silvester allgemein „feucht-fröhlich“ begangen wird, hat das jüdische Neujahrsfest (Rosch Haschana) einen ernsten Charakter. Denn an diesem Tag, so weiß die Überlieferung, hält Gott Gericht über jeden einzelnen Menschen. Es heißt, dass im Himmel zwei Stühle aufgestellt werden, den des Gerichtes und den der Barmherzigkeit. Gott setzt sich auf den Thron des Gerichts, und es werden die Bücher aufgeschlagen, in denen für jeden Menschen seine guten Taten des vergangenen Jahres, aber auch seine Sünden verzeichnet sind. 

Entsprechend sind die gottesdienstlichen Gebete in den Synagogen davon bestimmt, Gott  als König anzuerkennen und zu feiern; nicht wie ein irdischen Herrscher, die man kommen und gehen sieht, sondern als den König der Welt mit einer absoluten Gewalt. Als solcher übersteigt er letztlich menschliches Begreifen und unseren Sinn von Gerechtigkeit. Der König des Universums ist der Urheber dessen, was wir als letztes Geheimnis von Leben und Tod verstehen.

Da wohl die meisten Menschen nicht nur gute und auch nicht nur schlechte Werke aufzuweisen haben, gibt Gott ihnen am (zweitägigen) Neujahrsfest eine Frist zur Umkehr (teschuwa) bis zum Versöhnungstag (Jom Kippur). Dies ist ein Zeitraum von zehn Tagen. Denn Jom Kippur wird am 10. Tischri begangen.

Das Neujahrsfest ist also eine Art Vorbereitung auf den Versöhnungstag, welcher als höchster jüdischer Feiertag gilt. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Zeit vom 1. bis 10. Tischri als Jamim Noraim, als „furchtgebietende Tage“ zusammengefasst wird. Diese sind von den religiösen Motiven der Buße und des Neuanfangs bestimmt – und damit von der Hoffnung, aufgrund der Umkehr von falschen Wegen für das neue Jahr zum Guten eingeschrieben zu werden. Zur Umkehr ruft insbesondere auch der tatsächlich „durch Mark und Bein“ gehende Klang des Schofar, des Widderhorns, das in den Synagogen geblasen wird.

Gott ist bereit, am Versöhnungstag vom Thron des Gerichts auf den Thron der Barmherzigkeit zu wechseln – sofern der Mensch ihm entgegenzukommen bereit ist. Voraussetzung ist, dass man sich zuvor mit denjenigen ausgesöhnt hat, denen man im vergangenen Jahr etwas schuldig geblieben ist oder mit denen eine Beziehung aufgrund von Streit oder Lüge oder Schuld zerbrochen ist. Diese um Vergebung zu bitten und Schuld(en) auszugleichen, ist also die Aufgabe für Juden in den Tagen der Umkehr.

Der Versöhnungstag selbst ist dann nur mehr auf Gott bezogen. Es ist ein voller Fastentag, an dem im traditionellen Judentum 26 Stunden weder gegessen noch getrunken wird. In Israel sind alle Einrichtungen, Restaurants und Cafés geschlossen. Selbst im säkularen Tel Aviv ruht weitgehend der Verkehr. Vielmehr verbringt man Stunde um Stunde beim Gebet in der Synagoge. Entsprechend ausgestaltet und erweitert sind die fünf Gottesdienste des Tages. Die Gebete, die aus vielen Jahrhunderten stammen, gehen einen Weg von der Sündenerkenntnis, die durch Selbstprüfung gewonnen wird, über das Sündenbekenntnis, das vor Gott ausspricht, wie es um einen stand und steht, sowie über das Leidtragen über die eigene Schuld hin zu dem Entschluss zur Änderung und Besserung. 

Am Schluss des Versöhnungstages kann so miteinander gesprochen werden: „Du, Gott der Verzeihungen, bist gnädig, barmherzig, langmütig, reich an Gnade und daran, Gutes zu mehren; du willst die Umkehr der Frevler und hast keinen Gefallen an ihrem Tod.“

Der jüdische Festkalender kennt abrupte Wechsel. Wer nach dem anstrengenden Beten und Fasten noch Kraft hat, beginnt traditionell unmittelbar anschließend mit den Vorbereitungen für das freudige Laubhüttenfest (Sukkot), das bereits am 15. Tischri beginnt. Denn ein neuer Anfang ist ermöglicht.